Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats sowie Geschäftsführerin der Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe gGmbH
Sie sind Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Wofür steht der Deutsche Pflegerat und welche Ziele verfolgt er?
Christine Vogler: Der Deutsche Pflegerat ist der Dachverband von derzeit 21 Pflegeverbänden auf Bundesebene. Unsere Aufgabe ist es, die gesamte Bandbreite der Pflegeberufe zu vertreten und ihnen eine gemeinsame, starke Stimme gegenüber der Bundespolitik zu geben. Dafür engagieren wir uns seit 26 Jahren mit wachsendem Erfolg. Ich selbst übe das Amt der Präsidentin ehrenamtlich aus, hauptberuflich bin ich Geschäftsführerin des Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe.
Wie sind Sie zu diesem Ehrenamt gekommen?
Christine Vogler: Ich habe den klassischen Weg durchlaufen von der Pflegeausbildung über ein Studium der Pflegepädagogik bis hin zu einem Managementstudium. Berufspolitisch engagiere ich mich bereits seit vielen Jahren, unter anderem im Bundesverband für Lehrende in den Gesundheits- und Sozialberufen (BLGS). Denn Pflege ist in Deutschland nach wie vor unterbewertet, unterrepräsentiert und strukturell nicht entsprechend ihrer Bedeutung eingebunden. Und ja, wenn man sich lange genug engagiert und nicht locker lässt, wird man irgendwann zur Präsidentin des Deutschen Pflegerats gewählt. Aber im Ernst: Dieses Ehrenamt ist für mich eine Herzensangelegenheit. Wer die Pflege wirklich voranbringen will, muss dranbleiben auch wenn Veränderungen oft viel Geduld erfordern.
Was ist das Ziel dieser Arbeit?
Christine Vogler: Unser zentrales Anliegen ist es, die pflegerische Kompetenz strukturell zu verankern sei es über eine Kammer, ein Institut oder eine Behörde. Es geht darum, die Pflege als eigenständigen Kompetenzbereich in die gesundheitspolitischen Strukturen zu integrieren. Dazu gehören unter anderem einheitliche und angemessene Bildungsoptionen, erweiterte Handlungskompetenzen – etwa in der Wundversorgung – sowie eine bessere internationale Anschlussfähigkeit unseres Berufs, etwa im Hinblick auf Studiengänge. Dafür kämpfen wir seit Jahrzehnten. Erste Fortschritte sind zwar erkennbar, aber vieles geht nur schleppend voran. Unser Ziel ist es, dass Pflegefachkräfte ihre Expertise auch wirklich einbringen und anwenden dürfen.
Warum gelingt es bislang nur zögerlich, dieses Ziel zu erreichen?
Christine Vogler: Leider wird Pflege in der öffentlichen Wahrnehmung häufig auf die körperliche Versorgung reduziert also auf Waschen, Lagern, Exkremente entsorgen. Aber Pflege umfasst weit mehr: soziale Einschätzung, Begleitung, Prävention – Aspekte, die kaum wahrgenommen werden. Diese eingeschränkte Sichtweise hängt mit tradierten Rollenbildern und strukturellen Rahmenbedingungen zusammen, die Pflege nicht als eigenständige Profession begreifen. Genau das wollen wir ändern.
"Ich wünsche mir eine starke Pflege, die durch bessere Bildungsoptionen, mehr Mitspracherechte und erweiterte Handlungskompetenzen gestärkt wird. Zudem wünsche ich mir, dass die Wundversorgung weiterhin durch Innovationen vorangetrieben wird unter stärkerer Berücksichtigung des Aspekts der Nachhaltigkeit.."
Christine Vogler
Welche Entwicklungen in der Wundversorgung haben Sie in den letzten Jahren als besonders bedeutsam empfunden?
Christine Vogler: In der Wundversorgung hat sich in den letzten Jahren enorm viel verändert, sowohl im Hinblick auf die Materialien als auch auf das fachliche Verständnis. Ging es früher vor allem darum, Wunden vor äußeren Einflüssen zu schützen, stehen heute moderne Materialien zur Verfügung, die die Wundheilung aktiv unterstützen. Das ist ein grundlegender Wandel.
Zugleich hat sich auch das Bewusstsein für die Bedeutung der Wundversorgung deutlich verändert, sowohl bei Pflegefachkräften als auch bei Ärzt:innen. Es reicht nicht mehr, einfach irgendeinen Verband zu wählen. Gefragt ist fundiertes Wissen über unterschiedliche Wundarten, Heilungsverläufe und die jeweils passenden Versorgungsstrategien.
Wichtig ist zudem der Blick auf die individuelle Lebenssituation der Betroffenen: Lebt die Person allein, ist sie mobil oder kognitiv eingeschränkt? Kann sie sich selbst versorgen oder benötigt sie Unterstützung?
Diese ganzheitliche Einschätzung ist eine zentrale pflegerische Kompetenz. Denn nur wenn alle Faktoren berücksichtigt werden – medizinisch wie sozial – kann eine nachhaltige und individuelle Wundversorgung gelingen.
Pflegekräfte spielen eine essenzielle Rolle in der Wundversorgung. Was kann die Politik tun, um ihre Expertise besser zu nutzen?
Christine Vogler: Ein zentraler Hebel ist die Erweiterung der Handlungskompetenzen. Pflegefachpersonen mit einer anerkannten Weiterbildung im Wundmanagement – idealerweise mit staatlicher Prüfung – sollten ihr Wissen eigenverantwortlich anwenden dürfen. Wir brauchen Strukturen, in denen akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen – etwa Advanced Practice Nurses – eigenständig entscheiden dürfen, welches Wundmaterial eingesetzt wird. Idealerweise sind sie auch ins Leistungsrecht eingebunden, sodass sie Wundmaterial verordnen können. Das bedeutet nicht, dass ärztliche Kolleg:innen außen vor bleiben sollen – im Gegenteil. Aber wir brauchen ein Miteinander auf Augenhöhe, bei welchem die Aufgaben dort erledigt werden, wo die fachliche Kompetenz liegt. Aktuell führen oft Pflegekräfte mit hoher Wundexpertise die Versorgung durch, abgerechnet wird jedoch ärztlich. Das ist weder fair noch zeitgemäß. Hier sind Politik und Gesundheitsunternehmen gleichermaßen gefragt, um neue Wege zu ermöglichen.
Wie können Unternehmen wie URGO die Pflege in der Wundversorgung gezielt unterstützen?
Christine Vogler: Unternehmen können auf mehreren Ebenen einen wichtigen Beitrag leisten, etwa indem sie sich politisch für eine stärkere Einbindung der Pflege, vor allem in der ambulanten Versorgung, engagieren. Wichtig ist zudem, die Zusammenarbeit mit der Pflegepraxis auszubauen. Bisher fehlt es oft an den Strukturen, um Pflegefachpersonen systematisch zu erreichen – der Austausch findet meist nur punktuell statt. Strategische Partnerschaften mit Pflegeverbänden oder gezielte Dialogformate könnten hier neue Wege eröffnen.
Darüber hinaus sollte die pflegerische Expertise konsequent in Produktentwicklung und Versorgungsforschung einfließen zum Beispiel durch gemeinsame Evaluationen, praxisnahe Studien oder Fortbildungen. Pflegefachpersonen bringen durch ihre tägliche Arbeit wertvolle Erfahrungen mit, die in Verbesserungsprozesse einbezogen werden sollten.
URGO geht hier in vielen Bereichen bereits voran etwa mit Anwenderbeobachtungen, praxisorientierten Schulungen und engem Austausch mit Fachkräften. Diese Zusammenarbeit ist essenziell, um die Versorgung weiterzuentwickeln und die Rolle der Pflege zu stärken.
Abschließend gefragt: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wundversorgung?
Christine Vogler: Die Herausforderungen werden wachsen insbesondere durch mehr ältere Menschen mit chronischen Wunden. Ich wünsche mir eine starke Pflege, die durch bessere Bildungsoptionen, mehr Mitspracherechte und erweiterte Handlungskompetenzen gestärkt wird. Zudem wünsche ich mir, dass die Wundversorgung weiterhin durch Innovationen vorangetrieben wird unter stärkerer Berücksichtigung des Aspekts der Nachhaltigkeit. Die Menge an Müll, die bei der Versorgung entsteht, ist enorm. Hier brauchen wir Lösungen, die umweltfreundlicher sind – etwa durch recycelbare oder ressourcenschonend produzierte Materialien. Das Gesundheitswesen ist in dieser Hinsicht noch lange nicht da, wo es sein könnte.
Außerdem wünsche ich mir eine bessere Vernetzung aller Beteiligten: Pflege, Medizin, Industrie, Ausbildung, Patient:innenvertretung und Politik, denn sie alle tragen Verantwortung für eine zukunftsfähige Versorgung. Wenn es uns gelingt, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, können wir die Versorgungslage deutlich verbessern und Pflegefachpersonen gezielt stärken.
Ihr Wunsch für URGO?
Christine Vogler: Zum Jubiläum wünsche ich URGO, dass das Unternehmen seine erfolgreiche Arbeit fortsetzt mit innovativen, praxisorientierten Lösungen, die Pflegekräfte im Alltag wirkungsvoll unterstützen. Dabei hoffe ich auf eine noch engere Zusammenarbeit mit der Pflege, um Synergien zu schaffen, die zu einer stetigen Verbesserung der Wundversorgung führen.
Zum Interview von Univ.-Prof. Dr. Ewa Stürmer
25 Jahre URGO Medical – und kein Stillstand in Sicht. Univ.-Prof. Dr. Ewa K. Stürmer (UKE Hamburg) spricht über echte Innovationen, wissenschaftliche Evidenz und warum die Wundversorgung endlich ganzheitlicher gedacht werden muss.
