Jubiläumsinterview mit Univ.-Prof. Dr. med. Ewa K. Stürmer

Univ.-Prof. Dr. med. Ewa K. Stürmer, FÄ für Allgemeinchirurgie sowie Orthopädie und Unfallchirurgie, OÄ am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und chirurgische Leiterin des Comprehensive Wound Centers (CWC)

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Sie sind seit vielen Jahren in der Wundversorgung tätig. Wie kamen Sie zu diesem Fachgebiet?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: Das war tatsächlich eher ein Zufall. Ich bin von Haus aus Allgemeinchirurgin und Unfallchirurgin und habe auf dem Gebiet der osteoporotischen Frakturheilung habilitiert. Als ich ans Institut für Operative Medizin (IFOM) in Köln wechselte, stieß ich erstmals intensiv auf das Thema Wundforschung. Ich stellte schnell fest, dass der Bedarf riesig und das Potenzial enorm war. 2022 wurde ich ans UKE Hamburg berufen, wo ich nun translationale Wundforschung mit klinischer Praxis verbinde.

Wann und wie kamen Sie erstmals mit URGO-Produkten in Kontakt?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: Mit meinem Wechsel ans UKE, wo URGO-Produkte gelistet und direkt verfügbar sind, kam ich erstmals mit diesen in Kontakt – zunächst im Bereich der Kompressionstherapie. Besonders das Zweikomponenten-System UrgoK2 hat mich überzeugt. Gerade bei Patient:innen in komplexen Behandlungssituationen bietet es einen großen Vorteil. Es lässt sich individuell anpassen und ermöglicht eine effektive Versorgung, selbst bei schwieriger Anatomie. Das war mein Einstieg und machte mich neugierig auf weitere Produkte aus dem URGO-Portfolio – insbesondere im Bereich der Biofilmtherapie, meinem Forschungsschwerpunkt. Als wir UrgoClean Ag im humanen Biofilmmodell testeten, zeigte es eine sehr gute antibakterielle Wirkung und überzeugte nicht nur im Labor, sondern auch in der Praxis. Seither setzen wir es gezielt ein.

Was schätzen Sie besonders an URGO?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: URGO hebt sich durch ein echtes Interesse an wissenschaftlicher Evidenz hervor. Anders als viele andere Unternehmen sucht URGO gezielt den Austausch und stellt die Frage: Ist unser Produkt wirklich wirksam – auch im unabhängigen Vergleich? Diese Offenheit, sich kritisch prüfen zu lassen, geht weit über die gängige Praxis hinaus und verdient Anerkennung. In meiner bisherigen Zusammenarbeit habe ich diesen konsequent wissenschaftlich geprägten Ansatz als ausgesprochen wertvoll erlebt – und in dieser Form ist er in der Branche keineswegs selbstverständlich.

"Mein Wunsch ist eine ganzheitlichere Betrachtung der „Reise" unserer Patient:innen – mit klaren, evidenzbasierten Empfehlungen, die zeigen, welches Produkt in welcher Wundphase optimal eingesetzt wird. Das würde die tägliche Praxis enorm erleichtern."

Auch das Produkt UrgoTül feiert 25jähriges Jubiläum. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Produkt gesammelt?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: UrgoTül setzen wir gezielt bei bestimmten Indikationen ein – insbesondere bei Spalthautentnahmestellen. In diesem Kontext hat UrgoTül für mich einen hohen Stellenwert, denn am Ende einer chronischen Wunde steht idealerweise die erfolgreiche Granulation, auf die eine autologe Hauttransplantation folgen kann.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung im Bereich der Wundversorgung in den letzten Jahren? Welche Fortschritte sind zu verzeichnen – und wo sehen Sie nach wie vor Defizite?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: Ob sich die Wundversorgung in den letzten 5-10 Jahren insgesamt verbessert hat, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Ein zentraler Mangel bleibt die unzureichende Finanzierung im Bereich der Versorgung chronischer Wunden und die Unsicherheit im Hinblick auf die GKV-Erstattungsfähigkeit der sogenannten „sonstige Produkte der Wundbehandlung“, also solcher mit therapeutischer Wirkung. Positiv zu vermerken ist, dass die Produktvielfalt in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat. Heute steht uns eine breite Auswahl an modernen Verbandstoffen und wirksamen Produkten zur Verfügung. Dennoch halte ich nur eine Handvoll dieser für unverzichtbar, da sie sowohl klinisch als auch im translationalen Kontext einen so hohen Stellenwert haben, dass ihr Fehlen für die Patient:innen spürbare negative Auswirkungen hätte. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Produkte, deren Werbeversprechen besser ist als die tatsächliche Effektivität. Viele Produkte leisten Ähnliches und es fehlt häufig an flächendeckender Kenntnis darüber, was welches Produkt tatsächlich wann leistet. Indikationen werden immer definiert, Limitationen eher seltener. Hier sehe ich weiterhin eine große Lücke, die sich in den letzten Jahren leider nicht grundlegend geschlossen hat.

Was könnte im Bereich der Edukation konkret verbessert werden?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: Ich wünsche mir vor allem große, vergleichende Studien, die auch in deutscher Sprache für alle im Wundkontext Tätigen zugänglich sind. In Deutschland wird die Wundversorgung maßgeblich von Pflegekräften getragen, die jedoch weder die Zeit noch die Möglichkeit haben, sich durch internationale Fachliteratur zu arbeiten. Was sie brauchen, sind praxisnahe, verständliche Informationen: Welches Produkt eignet sich wann – und warum? Das sollte in neutralen, herstellerunabhängigen Schulungen vermittelt werden. Statt einzelner Produkte sollte die gesamte „Reise“ unserer Patient:innen im Fokus stehen – von der Diagnostik der zugrunde liegenden Erkrankung über die Wundtherapie bis hin zur Abheilung. Lebensqualität und Ziele der Patient:innen, genauso wie ihre Rehabilitation, sollten dabei nicht vergessen werden. Hier setzen Fortbildungsangebote wie jene der URGO Foundation an und leisten einen wichtigen Beitrag. Dennoch besteht insgesamt noch ein großer Bedarf an qualitativ hochwertigen und flächendeckenden Schulungsangeboten, um die Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden kontinuierlich zu verbessern.

Was motiviert Sie persönlich?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: Meine Motivation sind die „vergessenen“ Wundpatient:innen. Diese Menschen fallen oft durchs Raster: In der Dermatologie gibt es beachtliche Erfolge bei den immunologisch-bedingten Hauterkrankungen, in der Gefäßmedizin stehen große Eingriffe wie Bypässe im Vordergrund, die Chirurgie wird meist erst im Rahmen von Amputationen tätig, und die Diabetologie konzentriert sich vorwiegend auf die internistische Grunderkrankung. Die Wunde ist oft ein „Nebenschauplatz“. Viele Patient:innen sagen uns beim Erstkontakt: „Sie sind meine letzte Hoffnung.“ Diese Verzweiflung zeigt, wie viel Verantwortung wir Wundexpert:innen tragen – und genau das motiviert mich.

Hinzu kommt: Wundversorgung ist kein Hexenwerk. Sie beruht auf klaren Prinzipien wie ein effektives Exsudatmanagement. Man braucht keine 20 Varianten jedes Produkttyps – entscheidend ist ein solider Baukasten: ein gutes Tüll, ein zuverlässiger Superabsorber, ein effektiver PU-Schaum, alles mit und ohne antimikrobielle Wirkung, und eine durchdachte Kompression. Wenn diese Grundlagen stimmen, Pflege und ärztlicher Bereich gut zusammenarbeiten, kann man viel erreichen – mit Wissen, passenden Produkten und echtem Engagement für die Betroffenen.

Abschließend gefragt: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wundversorgung – vielleicht auch mit Blick auf neue Entwicklungen?

Univ.-Prof. Dr. Stürmer: Mein Wunsch ist eine ganzheitlichere Betrachtung der „Reise“ unserer Patient:innen – mit klaren, evidenzbasierten Empfehlungen, die zeigen, welches Produkt in welcher Wundphase optimal eingesetzt wird. Das würde die tägliche Praxis enorm erleichtern. Ein zentrales Zukunftsthema ist für mich das Biofilm-Management. Gerade bei chronischen Wunden mit Biofilmbeteiligung besteht weiterhin großer Bedarf an wirksameren Lösungen. Hier sehe ich erhebliches Potenzial für die Forschung – und bin gerne bereit, mich aktiv einzubringen. Denn jede Verbesserung in diesem Bereich kommt letztlich den Patient:innen zugute – und das ist das Entscheidende.

Zum Interview von Hauke Cornelsen

Vom Physiotherapeuten zum Wundexperten: Hauke Cornelsen erzählt von seinem ungewöhnlichen Weg in die Wundversorgung, seinem ganzheitlichen Therapiekonzept und der Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit. Seit 25 Jahren prägen praxisnahe Innovationen, enger fachlicher Austausch und partnerschaftliches Denken die Arbeit von URGO – Werte, die Cornelsens Ansatz direkt spiegeln und die moderne Wundversorgung nachhaltig voranbringen.